
In der hitzigen Welt des brasilianischen Fußballs gibt es kaum etwas Schlimmeres als eine enttäuschende Leistung eines vermeintlichen Führungsspielers bei einem großen Turnier. Genau das erlebte die Nation beim 1:1-Unentschieden gegen Marokko. Casemiro, der einst als unumstrittener Anker im Mittelfeld der Seleção gefeiert wurde, wurde zur Zielscheibe gnadenloser Kritik. Kommentatoren-Legenden wie Craque Neto und Romário zogen nicht nur über seine Leistung her, sondern stellten grundsätzliche Fragen zur Zukunft des Teams unter Carlo Ancelotti. Was als vielversprechender Start in die Vorbereitung gedacht war, entpuppte sich als ernüchterndes Schauspiel eines alternden Stars, der seinen Zenit längst überschritten hat.
Aí o Casimiro, todo mundo sabia… schon die ersten Worte aus dem Transkript der Radiosendung lassen die Wut der Experten spüren. Casemiro lief wie ein Ex-Spieler über den Platz. Ohne Tempo, ohne Drehung, ohne die explosive Präsenz, die ihn früher auszeichnete. Neto sprach von einem riesigen Fehler und betonte, dass sich solche Szenen wiederholen würden, weil dem 34-Jährigen einfach die physischen Voraussetzungen fehlen. Romário ging noch weiter: Mit allem Respekt der Welt, er hat eine Scheiß-Karriere hinter sich. Er sah aus wie ein Ex-Profi und es war einfach nur peinlich. Besonders im ersten Durchgang fielen viele Fehlpässe auf, Casemiro geriet häufig in Positionen, in denen er den Ball mit dem Rücken zum Tor annehmen musste. Viele Experten führen das auf starken Nervositätsdruck zurück, der vor allem die jüngeren Spieler belastete. „Es war nicht normal, so viele Pässe zu verlieren.“
Ibanes wurde eingewechselt und enttäuschte auf ganzer Linie. „Der gehört nicht einmal zum Guarani de Campinas“, hieß es vernichtend. Paquetá und Igor Thiago seien ebenfalls keine Spieler für die Seleção. Raphinha war tot auf dem Platz, zeigte mangelnde Fitness. Neymar stand am Rand und gab Anweisungen, während die technische Kommission aus 15 Personen besteht. Die Fans sind genervt. Ancelotti forderte im Kabinengespräch vehement mehr Attitüde. Neun Spieler der letzten WM sollen für interne Spannungen sorgen. Die Stimmung ist schwer.
Trotz allem gab es Lichtblicke. Vinícius Júnior erzielte den Ausgleich, Bruno Guimarães war der Beste, Danilo Santos brachte Dynamik. Junge Talente wie Luís Henrique oder Boadi müssen mehr Chancen erhalten. Ronaldo Fenômeno bleibt optimistisch: Hendrick hat enormes Potenzial und könnte zur neuen Referenz werden. Neymar ist „außerhalb der Kurve“, wenn die Fitness stimmt. Vinícius muss sein Real-Madrid-Niveau auch im Nationaltrikot zeigen.
Marokko war eine echte „Pedreira“. Der Nervositätsfaktor spielte eine große Rolle. Gegen Haiti braucht es eine komplett andere Einstellung. Währenddessen laufen in der Gruppe andere Spiele: Belgien 1:1 gegen Ägypten, Saudi-Arabien 1:1 gegen Uruguay, Iran und Neuseeland mit Torfestival, Frankreich siegte 3:1 gegen Senegal dank Doppelpack von Mbappé inklusive Traumtor aus der eigenen Hälfte. England ersetzte Livramento durch Shalobah. Argentinien, Cristiano Ronaldo und Harry Kane stehen vor ihren Premieren.
Auf dem Transfermarkt brodelt es gewaltig. Milan steht vor der Verpflichtung von Rúben Amorim. Real Madrid soll bis zu 150 Millionen Euro für einen PSG-Juwel bieten, der bereits als „neuer Neymar“ gehandelt wird. Inter Mailand zeigt konkretes Interesse an Endrick und verhandelt mit Real Madrid über eine Ablöse von rund 45 Millionen Euro. Der junge Angreifer, der in Brasilien und bei Real glänzt, könnte tatsächlich den Weg in die Serie A antreten – eine Sensation, die die Seleção zusätzlich schwächen würde.
Doch das größte Drama dreht sich um Neymar und die CBF. Die Verbandsführung hat offenbar gelogen oder zumindest die Öffentlichkeit bewusst in die Irre geführt. Neymar war zwar auf dem Trainingsplatz zu sehen, trainierte mit Ball, zog die Schuhe an und drehte leichte Runden – doch das war nur Show. Die CBF gab eine klare Erklärung ab: Es gibt keine festen Rückkehr-Versprechen mehr. Neymar wird voraussichtlich erst in der K.o.-Phase, wahrscheinlich im Achtelfinale, zur Verfügung stehen – falls Brasilien überhaupt weiterkommt. Ein Einsatz gegen Haiti oder Schottland ist ausgeschlossen. Die anfänglichen Ankündigungen, er könnte früher zurückkehren, haben sich als falsch oder übertrieben herausgestellt. Viele Journalisten werfen der CBF vor, die Situation bewusst schönzureden, um die Stimmung nicht kippen zu lassen. Die Enttäuschung in Brasilien ist riesig: Der größte Star der Nation sitzt weiter nur am Rand.
Douglas Santos betonte in der Pressekonferenz die Schwere der Gegner und den Willen, die Fehler abzustellen. Die Anspannung der Premiere sei normal, jetzt gelte es, die Emotionen zu kontrollieren und gegen Haiti eine bessere Leistung zu zeigen. Das Training war eines der intensivsten bisher, doch ohne Neymar im Kollektiv. Die gesamte Situation zeigt die tiefen Probleme einer WM-Kampagne: Hohe Erwartungen, Verletzungssorgen, interne Kritik an Casemiro, fragwürdige Personalentscheidungen bei Ibanes und Co. sowie die Unsicherheit um die großen Namen.
Ancelotti muss beweisen, dass er die richtigen Knöpfe drückt. Die Talente wie Vinícius, Bruno Guimarães, Endrick (der möglicherweise bald in Italien spielt) und Luís Henrique müssen die Chance erhalten, das Team in die Zukunft zu führen. Taktisch fehlt es noch an Balance, mental war die erste Halbzeit gegen Marokko zu apathisch. Doch mit der Erfahrung von Ancelotti und Ronaldo als Mahner bleibt ein Rest Optimismus. Brasilien hat das Potenzial zum Titel, braucht aber schnelle Anpassungen und vor allem Ehrlichkeit vom Verband.
Die CBF steht nun unter besonderem Druck. Die Vorwürfe, sie habe mit Neymar nur eine PR-Show abgezogen, während der Star in Wahrheit noch weit von einem Einsatz entfernt ist, treffen den Verband hart. Gleichzeitig wird über Endricks mögliche Abwanderung nach Italien spekuliert – ein Transfer, der die Angriffsoptionen der Seleção weiter verändern würde. Die Nação wartet gespannt auf die nächsten Spiele, beginnend gegen Haiti. Sie will keine weiteren Enttäuschungen, keine weiteren Lügen und vor allem klare Fortschritte sehen.
Das Chaos um Casemiro, Ibanes, Neymar und die mögliche Abwanderung von Endrick zeigt: Die Seleção steht an einem kritischen Punkt. Wird Ancelotti die Kurve kriegen oder droht das große Scheitern? Die Antworten kommen in den kommenden Partien – und Brasilien schaut mit einer Mischung aus Hoffnung, Wut und Leidenschaft zu. Die WM ist noch lang, doch die Zeit für Ausreden ist vorbei.